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Heilslehre klein

Die christliche Ethik beginnt nicht mit moralischen Forderungen, sondern mit dem heilsgeschichtlichem Handeln Gottes. Das Reich Gottes ist deshalb nicht lediglich eine zukünftige Hoffnung, sondern bereits gegenwärtige Wirklichkeit, die ihrer endgültigen Vollendung entgegengeht.


(Verändert aus: N. T. Wright, Glaube – und dann?)

Inhaltsverzeichnis

1. Gottes neue Schöpfung als Ausgangspunkt christlicher Ethik
2. Christus als Ursprung des neuen Menschseins
3. Tugend als Einübung des kommenden Zeitalters
4. Die Erneuerung von Verstand und Herz
5. Glaube, Hoffnung und Liebe als Grundstruktur christlicher Tugend
6. Der Heilige Geist und die menschliche Mitwirkung
7. Kreuz und Leiden als Schule der Tugend
8. Die Kirche als Schule der Tugend
9. Die Mission des erneuerten Menschen
Zusammenfassung

 

1. Gottes neue Schöpfung als Ausgangspunkt christlicher Ethik

Die christliche Ethik beginnt nicht mit moralischen Forderungen, sondern mit dem heilsgeschichtlichem Handeln Gottes. Durch den Tod und die Auferstehung Jesu Christi hat Gott seine neue Schöpfung bereits in die gegenwärtige Welt hineinbrechen lassen. Das Reich Gottes ist deshalb nicht lediglich eine zukünftige Hoffnung, sondern bereits gegenwärtige Wirklichkeit, die ihrer endgültigen Vollendung entgegengeht.

 

Lk 17,21:Man wird nicht sagen: Siehe hier!, oder: Siehe dort! Denn siehe, das Reich Gottes ist mitten unter euch.

 

Dieses eschatologische Handeln Gottes bestimmt den gesamten Horizont christlicher Existenz. Der Mensch lebt nicht auf ein abstraktes Jenseits hin, sondern auf den neuen Himmel und die neue Erde, in denen Gottes Herrschaft die gesamte Schöpfung durchdringt. Das Ziel ist die Versöhnung von Himmel und Erde sowie die Wiederherstellung der ursprünglichen Berufung des Menschen als Ebenbild Gottes und königlicher Priester innerhalb der erneuerten Schöpfung.

 

1Mo 1,26:Und Gott sprach: Lasst uns Menschen machen nach unserem Bild, uns ähnlich; die sollen herrschen über die Fische im Meer und über die Vögel des Himmels und über das Vieh und über die ganze Erde, auch über alles Gewürm, das auf der Erde kriecht!

1Pet 2,9:Ihr aber seid ein auserwähltes Geschlecht, ein königliches Priestertum, ein heiliges Volk, ein Volk des Eigentums, damit ihr die Tugenden dessen verkündet, der euch aus der Finsternis berufen hat zu seinem wunderbaren Licht

 

Die christliche Ethik erhält ihre Orientierung daher vom Ende her. Das zukünftige Reich Gottes wird zum Maßstab gegenwärtigen Handelns.

 

Hebr 13,14: „Denn wir haben hier keine bleibende Stadt, sondern die zukünftige suchen wir.“

 

 

2. Christus als Ursprung des neuen Menschseins

Das neue Menschsein gründet ausschließlich in Jesus Christus. In ihm hat Gott selbst unter den Menschen Wohnung genommen. Als wahrer Tempel, Hohepriester und König verwirklicht Jesus die Berufung Israels und eröffnet zugleich die Erneuerung der gesamten Menschheit.

 

2Kor 5,17: „Darum: Ist jemand in Christus, so ist er eine neue Schöpfung; das Alte ist vergangen; siehe, es ist alles neu geworden!“

 

Am Kreuz besiegte Gott nicht nur die individuelle Schuld des Menschen, sondern auch jene Mächte, welche die Schöpfung beherrschten: Sünde, Tod, Gewalt, Stolz und Götzendienst. Die Auferstehung markiert den Beginn der neuen Schöpfung.

 

Kol 2,13-15:„Er hat auch euch, die ihr tot wart in den Übertretungen und dem unbeschnittenen Zustand eures Fleisches, mit ihm lebendig gemacht, indem er euch alle Übertretungen vergab; 14 und er hat die gegen uns gerichtete Schuldschrift ausgelöscht, die durch Satzungen uns entgegenstand, und hat sie aus dem Weg geschafft, indem er sie ans Kreuz heftete. 15 Als er so die Herrschaften und Gewalten entwaffnet hatte, stellte er sie öffentlich an den Pranger und triumphierte über sie an demselben.“

Gal 6,15: „Denn in Christus Jesus gilt weder Beschneidung noch Unbeschnittensein etwas, sondern eine neue Schöpfung.“

 

Wer durch Glauben mit Christus verbunden ist, nimmt bereits jetzt Anteil an diesem neuen Leben. Rechtfertigung, Erlösung, Versöhnung und Frieden beschreiben verschiedene Dimensionen derselben Wirklichkeit: Gott schafft einen neuen Menschen mit einem erneuerten Herzen.

 

Hes 36,26: „Und ich will euch ein neues Herz geben und einen neuen Geist in euer Inneres legen; ich will das steinerne Herz aus eurem Fleisch wegnehmen und euch ein fleischernes Herz geben.“

 

 

3. Tugend als Einübung des kommenden Zeitalters

Vor diesem Hintergrund verstehen wir die Tugend nicht primär als moralische Leistung, sondern als Einübung des Lebens der kommenden Welt.

Tugend bedeutet, jene Gewohnheiten auszubilden, welche das zukünftige Reich Gottes bereits heute sichtbar machen. Christliche Charakterbildung ist deshalb eine Form eschatologischer Antizipation. Der Christ lernt gleichsam schon jetzt die Sprache jener Welt, in der Gottes Wille vollkommen geschieht.

 

Phil 4,8: „Im Übrigen, ihr Brüder, alles, was wahrhaftig, was ehrbar, was gerecht, was rein, was liebenswert, was wohllautend, was irgendeine Tugend oder etwas Lobenswertes ist, darauf seid bedacht!“

1Kor 13,10: „Wenn aber einmal das Vollkommene da ist, dann wird das Stückwerk weggetan.“

 

Charakter entsteht nicht spontan. Er wächst durch wiederholtes Handeln. Wiederholte Entscheidungen formen Gewohnheiten; Gewohnheiten formen den Charakter; der Charakter bestimmt schließlich das spontane Handeln. Was zunächst Mühe kostet, wird allmählich zur zweiten Natur.

 

Esther 9,23: „Und die Juden machten sich das, was sie zu tun angefangen hatten und was ihnen Mordechai vorgeschrieben hatte, zur Gewohnheit.“

Lk 4,16: „Und er kam nach Nazareth, wo er erzogen worden war, und ging nach seiner Gewohnheit am Sabbattag in die Synagoge und stand auf, um vorzulesen.“

 

Diese Überlegung knüpft an die klassische Tugendethik an. Die antiken Kardinaltugenden – Klugheit, Gerechtigkeit, Tapferkeit und Mäßigung – werden jedoch durch das Evangelium grundlegend transformiert. Im Zentrum stehen nun insbesondere Demut, Vergebung, Selbsthingabe, Barmherzigkeit, Geduld und Liebe. Diese Tugenden spiegeln den Charakter Jesu selbst wider.

 

Gal 5,22: „Die Frucht des Geistes aber ist Liebe, Freude, Friede, Langmut, Freundlichkeit, Güte, Treue, Sanftmut, Selbstbeherrschung.“

Eph 5,9: „Die Frucht des Geistes besteht nämlich in lauter Güte und Gerechtigkeit und Wahrheit.“

 

 

4. Die Erneuerung von Verstand und Herz

Christliche Tugend beginnt mit einer Erneuerung des Denkens. Paulus fordert dazu auf, sich nicht von den Maßstäben dieser Welt formen zu lassen, sondern durch die Erneuerung des Verstandes verwandelt zu werden. Deshalb besitzt vernünftige Urteilsbildung einen unverzichtbaren Platz innerhalb christlicher Ethik.

 

Röm 12,2: „Und passt euch nicht diesem Weltlauf an, sondern lasst euch [in eurem Wesen] verwandeln durch die Erneuerung eures Sinnes, damit ihr prüfen könnt, was der gute und wohlgefällige und vollkommene Wille Gottes ist.“

Spr 13,16: „Der Kluge tut alles mit Vernunft, aber der Tor verbreitet Dummheiten.“

 

Der Mensch handelt nicht als Marionette. Er ist dazu berufen, nachzudenken, zu prüfen und bewusst zu entscheiden. Tugend entsteht daher weder durch blinden Regelgehorsam noch durch spontane Gefühle, sondern durch reflektierte Entscheidungen im Licht des Evangeliums.

 

Psalm 51,18-19: „Denn an Schlachtopfern hast du kein Wohlgefallen, sonst wollte ich sie dir geben; Brandopfer gefallen dir nicht. 19 Die Opfer, die Gott gefallen, sind ein zerbrochener Geist; ein zerbrochenes und zerschlagenes Herz Wirst du, o Gott, nicht verachten.“

 

Gleichzeitig reicht eine Veränderung des Denkens allein nicht aus. Nach biblischem Verständnis liegt das eigentliche Zentrum menschlicher Existenz im Herzen. Dort entstehen sowohl Liebe als auch Hass, Demut ebenso wie Stolz. Deshalb zielt Gottes Erlösung auf eine grundlegende Erneuerung des Herzens.

 

Psalm 51,12: „Erschaffe mir, o Gott, ein reines Herz, und gib mir von Neuem einen festen Geist in meinem Innern!“

 

Diese Erneuerung geschieht durch Gottes Gnade. Sie verlangt jedoch zugleich die bewusste Mitarbeit des Menschen. Alte Denk- und Verhaltensmuster werden abgelegt; neue Gewohnheiten werden eingeübt, bis sie den Charakter prägen.#

 

 

5. Glaube, Hoffnung und Liebe als Grundstruktur christlicher Tugend

Den Kern christlicher Tugend bilden die drei theologischen Tugenden Glaube, Hoffnung und Liebe.

 

1Kor 13,13: „Nun aber bleiben Glaube, Hoffnung, Liebe, diese drei; die größte aber von diesen ist die Liebe.“

 

Der Glaube richtet den Menschen auf Gottes bereits vollbrachtes Handeln in Christus aus. Er lebt nicht aus den sichtbaren Umständen, sondern aus Gottes Verheißungen.

 

Hebr 11,1: „Es ist aber der Glaube eine feste Zuversicht auf das, was man hofft, eine Überzeugung von Tatsachen, die man nicht sieht.“

Hebr 11,6: „Ohne Glauben aber ist es unmöglich, ihm wohlzugefallen; denn wer zu Gott kommt, muss glauben, dass er ist und dass er die belohnen wird, welche ihn suchen.“

 

Die Hoffnung richtet den Blick auf Gottes Zukunft. Sie ist die feste Zuversicht, dass Gott seine Schöpfung vollenden und sein Werk nicht unvollendet lassen wird.

 

Apg 24,15: „Ich habe die Hoffnung zu Gott (…), dass es eine künftige Auferstehung der Toten geben wird, sowohl der Gerechten als auch der Ungerechten.

 

Die Liebe schließlich ist die höchste Tugend. Sie sucht weder Selbstverwirklichung noch moralische Selbstbestätigung, sondern die Ehre Gottes und das Wohl des Nächsten. In ihr erreicht jede Tugend ihre Vollendung.

 

1Kor 13,4: „Die Liebe ist langmütig und gütig, die Liebe beneidet nicht, die Liebe prahlt nicht, sie bläht sich nicht auf; 5 sie ist nicht unanständig, sie sucht nicht das Ihre, sie lässt sich nicht erbittern, sie rechnet das Böse nicht zu; 6 sie freut sich nicht an der Ungerechtigkeit, sie freut sich aber an der Wahrheit; 7 sie erträgt alles, sie glaubt alles, sie hofft alles, sie erduldet alles.“

 

Aus diesen drei Grundtugenden entfalten sich die übrigen christlichen Tugenden: Geduld, Freundlichkeit, Großzügigkeit, Barmherzigkeit, Sanftmut, Treue, Selbstbeherrschung und Gerechtigkeit.

 

 

6. Der Heilige Geist und die menschliche Mitwirkung

Christliche Tugend ist zugleich Gabe und Aufgabe.

Der Heilige Geist schenkt neues Leben und bringt seine Frucht hervor. Gleichzeitig ruft er den Menschen zur aktiven Mitwirkung. Paulus verbindet deshalb stets Gottes Wirken mit menschlicher Verantwortung. Christen sollen im Geist wandeln, ihre Glieder Gott zur Verfügung stellen und alles abtöten, was dem neuen Leben widerspricht.

 

Gal 5,16: „Ich sage aber: Wandelt im Geist, so werdet ihr die Lust des Fleisches nicht vollbringen.“

Kol 3,5: „Tötet daher eure Glieder, die auf Erden sind: Unzucht, Unreinheit, Leidenschaft, böse Lust und die Habsucht, die Götzendienst ist;“

Röm 6,13: „(…) gebt euch selbst Gott hin als solche, die lebendig geworden sind aus den Toten, und eure Glieder Gott als Werkzeuge der Gerechtigkeit!“

Phil 2,13: „Gott ist es, der in euch sowohl das Wollen als auch das Vollbringen wirkt nach seinem Wohlgefallen.“

 

Dieses Zusammenwirken göttlicher Gnade und menschlicher Übung ähnelt dem Erlernen einer Sprache oder eines Musikinstruments. Niemand wird ohne Übung ein Musiker; ebenso entsteht christlicher Charakter nicht ohne beharrliche Einübung.

 

Hebr 5,13-14: „Wer nämlich noch Milch genießt, der ist unerfahren im Wort der Gerechtigkeit; denn er ist ein Unmündiger. 14 Die feste Speise aber ist für die Gereiften, deren Sinne durch Übung geschult sind zur Unterscheidung des Guten und des Bösen.“

 

Die Frucht des Geistes ist deshalb weder rein passiv noch ausschließlich menschliche Leistung. Sie entsteht dort, wo Gottes Geist und menschlicher Gehorsam zusammenwirken.

 

Röm 8,16: „Der Geist selbst gibt Zeugnis zusammen mit unserem Geist, dass wir Gottes Kinder sind.“

Jak 2,22: „Siehst du, dass der Glaube zusammen mit seinen Werken wirksam war und dass der Glaube durch die Werke vollkommen wurde?“

 

 

7. Kreuz und Leiden als Schule der Tugend

Jesu Weg führt über das Kreuz zur Auferstehung. Deshalb gehört auch Leiden unverzichtbar zur christlichen Charakterbildung.

 

Röm 5,3-5: „Wir rühmen uns in den Bedrängnissen, weil wir wissen, dass die Bedrängnis standhaftes Ausharren bewirkt, 4 das standhafte Ausharren aber Bewährung, die Bewährung aber Hoffnung; 5 die Hoffnung aber lässt nicht zuschanden werden; denn die Liebe Gottes ist ausgegossen in unsere Herzen durch den Heiligen Geist, der uns gegeben worden ist.“

 

Leiden erzeugt Geduld, Geduld führt zur Bewährung, Bewährung stärkt die Hoffnung. Gerade in Situationen des Verzichts, der Vergebung und der Selbsthingabe wächst jene Demut, die das Zentrum christlicher Tugend bildet.

 

Kol 3,12: „So zieht nun an als Gottes Auserwählte, Heilige und Geliebte herzliches Erbarmen, Freundlichkeit, Demut, Sanftmut, Langmut.“

 

Damit unterscheidet sich die christliche Tugendethik grundlegend von heroischen Tugendvorstellungen der Antike. Nicht Selbstbehauptung, sondern Selbsthingabe offenbart die wahre Größe des Menschen.

 

Lk 9,23: „(…) Wenn jemand mir nachkommen will, so verleugne er sich selbst und nehme sein Kreuz auf sich täglich und folge mir nach.“

Dan 3,28: „Da ergriff Nebukadnezar das Wort und sprach: Gepriesen sei der Gott Sadrachs, Mesachs und Abednegos, der seinen Engel gesandt und seine Knechte errettet hat, die auf ihn vertrauten und das Gebot des Königs übertraten und ihre Leiber hingaben, weil sie keinen anderen Gott verehren und anbeten wollten als ihren Gott allein!“

1Pet 5,2: „Hütet die Herde Gottes bei euch, indem ihr nicht gezwungen, sondern freiwillig Aufsicht übt, nicht nach schändlichem Gewinn strebend, sondern mit Hingabe.“

Jer 9,23: „Wer sich rühmen will, der rühme sich dessen, dass er Einsicht hat und mich erkennt, dass ich der HERR bin, der Barmherzigkeit, Recht und Gerechtigkeit übt auf Erden! Denn daran habe ich Wohlgefallen, spricht der HERR.“

 

 

8. Die Kirche als Schule der Tugend

Tugend entsteht niemals ausschließlich individuell. Sie wird innerhalb der Gemeinschaft des Gottesvolkes gelernt.

 

Apg 2,42: „Und sie blieben beständig in der Lehre der Apostel und in der Gemeinschaft und im Brotbrechen und in den Gebeten.“

Phil 1,3+5: „Ich danke meinem Gott, sooft ich an euch gedenke, (…) 5 wegen eurer Gemeinschaft am Evangelium vom ersten Tag an bis jetzt.“

 

Die Kirche ist der Ort, an dem Christen die Lebensweise der neuen Schöpfung gemeinsam einüben. Freundlichkeit, Wahrhaftigkeit, gegenseitige Annahme, Vergebung und dienende Liebe können nur im gemeinsamen Leben wachsen.

 

Gal 6,10: „So lasst uns nun, wo wir Gelegenheit haben, an allen Gutes tun, besonders aber an den Hausgenossen des Glaubens.“

Eph 4,32: Seid aber gegeneinander freundlich und barmherzig und vergebt einander, gleichwie auch Gott euch vergeben hat in Christus.“

Röm 15,7: „Darum nehmt einander an, gleichwie auch Christus uns angenommen hat, zur Ehre Gottes!“

 

Gebet, Schriftlesung, Predigt, Taufe und Abendmahl bilden deshalb keine bloßen religiösen Rituale. Sie sind Übungen, durch welche Gott den Charakter seines Volkes formt.

 

1Kor 14,26: „Wenn ihr zusammenkommt, so hat jeder von euch etwas: einen Psalm, eine Lehre, eine Sprachenrede, eine Offenbarung, eine Auslegung; alles lasst zur Erbauung geschehen!“

1Pet 4,10-11: „Dient einander, jeder mit der Gnadengabe, die er empfangen hat, als gute Haushalter der mannigfaltigen Gnade Gottes: 11 Wenn jemand redet, so [rede er es] als Aussprüche Gottes; wenn jemand dient, so [tue er es] aus der Kraft, die Gott darreicht, damit in allem Gott verherrlicht wird durch Jesus Christus. Ihm sei die Herrlichkeit und die Macht von Ewigkeit zu Ewigkeit! Amen.“

 

Die Kirche wird dadurch selbst zum sichtbaren Zeichen der kommenden neuen Welt.

 

Mt 5,14: „Ihr seid das Licht der Welt. Es kann eine Stadt, die auf einem Berg liegt, nicht verborgen bleiben.“

 

 

9. Die Mission des erneuerten Menschen

Das Ziel christlicher Tugend besteht nicht in individueller Vollkommenheit. Sie dient der Sendung Gottes.

 

1Kor 10,16: „Der Kelch des Segens, den wir segnen, ist er nicht [die] Gemeinschaft des Blutes des Christus? Das Brot, das wir brechen, ist es nicht [die] Gemeinschaft des Leibes des Christus?“

1Kor 10,31: „Ob ihr nun esst oder trinkt oder sonst etwas tut – tut alles zur Ehre Gottes!“

 

Der erneuerte Mensch reflektiert Gottes Herrlichkeit in die Welt hinein. Als königlicher Priester verbindet er Himmel und Erde, indem er Gottes Liebe sichtbar macht und zugleich die Nöte der Schöpfung vor Gott bringt.

 

2Kor 4,6: „Denn Gott, der dem Licht gebot, aus der Finsternis hervorzuleuchten, er hat es auch in unseren Herzen licht werden lassen, damit wir erleuchtet werden mit der Erkenntnis der Herrlichkeit Gottes im Angesicht Jesu Christi.“

1Pet 2,9: „Ihr aber seid ein auserwähltes Geschlecht, ein königliches Priestertum, ein heiliges Volk, ein Volk des Eigentums, damit ihr die Tugenden dessen verkündet, der euch aus der Finsternis berufen hat zu seinem wunderbaren Licht.

 

Christliche Ethik besitzt daher stets einen missionarischen Charakter. Sie soll Gottes Gerechtigkeit, Schönheit und Frieden sichtbar werden lassen und Menschen in die Wirklichkeit seines Reiches hineinziehen.

 

2Mo 34,29: „Als nun Mose vom Berg Sinai herabstieg — und die beiden Tafeln des Zeugnisses waren in der Hand Moses, als er vom Berg hinabstieg —, da wusste Mose nicht, dass die Haut seines Angesichts strahlte, weil er mit Ihm geredet hatte.“

Mt 17,2: „Und [Jesus] wurde vor ihnen verklärt, und sein Angesicht leuchtete wie die Sonne, und seine Kleider wurden weiß wie das Licht.“

Mt 5,16: „So soll euer Licht leuchten vor den Leuten, dass sie eure guten Werke sehen und euren Vater im Himmel preisen.“

 

 

Zusammenfassung

Die christliche Ethik verbindet biblische Eschatologie mit der klassischen Tugendtradition. Ausgangspunkt ist nicht das moralische Gesetz, sondern Gottes neue Schöpfung in Jesus Christus. Christlicher Charakter entsteht durch die Verbindung von göttlicher Gnade und bewusster Einübung jener Tugenden, welche das kommende Reich Gottes bereits heute vorwegnehmen.

Glaube richtet den Menschen auf Christus, Hoffnung auf Gottes Zukunft und Liebe auf Gott und den Nächsten. Unter der Leitung des Heiligen Geistes wächst so ein Charakter heran, dessen Gewohnheiten zur zweiten Natur geworden sind. Die Kirche wird zur Schule dieser Tugend, und der erneuerte Mensch zum Ebenbild Gottes, das seine Herrlichkeit in einer erneuerten Schöpfung widerspiegelt.

 

Röm 8,29: „Denn die er zuvor ersehen hat, die hat er auch vorherbestimmt, dem Ebenbild seines Sohnes gleichgestaltet zu werden, damit er der Erstgeborene sei unter vielen Brüdern.“

 

Die ethische Grundfrage des Christentums ist also nicht mit einem Katalog von Regeln zu beantworten, sondern mit einer Vision des wahren Menschseins: Christliches Leben ist das fortwährende Einüben der Lebensweise der kommenden Welt.

 

Off 21 1-7: „Und ich sah einen neuen Himmel und eine neue Erde; denn der erste Himmel und die erste Erde waren vergangen, und das Meer gibt es nicht mehr. 2 Und ich, Johannes, sah die heilige Stadt, das neue Jerusalem, von Gott aus dem Himmel herabsteigen, zubereitet wie eine für ihren Mann geschmückte Braut. 3 Und ich hörte eine laute Stimme aus dem Himmel sagen: Siehe, das Zelt Gottes bei den Menschen! Und er wird bei ihnen wohnen; und sie werden seine Völker sein, und Gott selbst wird bei ihnen sein, ihr Gott. 4 Und Gott wird abwischen alle Tränen von ihren Augen, und der Tod wird nicht mehr sein, weder Leid noch Geschrei noch Schmerz wird mehr sein; denn das Erste ist vergangen. 5 Und der auf dem Thron saß, sprach: Siehe, ich mache alles neu! Und er sprach zu mir: Schreibe; denn diese Worte sind wahrhaftig und gewiss! 6 Und er sprach zu mir: Es ist geschehen! Ich bin das A und das O, der Anfang und das Ende. Ich will dem Dürstenden geben aus dem Quell des Wassers des Lebens umsonst! 7 Wer überwindet, der wird alles erben, und ich werde sein Gott sein, und er wird mein Sohn sein.“

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